Benno Schumacher

Ein Gemälde im Wohnzimmer, ein Oldtimer in der Garage oder ein paar Pferde im Stall können des Menschen Herz erfreuen. Getrübt werden kann diese Freude, wenn die Steuerverwaltung plötzlich über solche Vermögenswerte sprechen will.

Vermögenswerte wie Kunstwerke, ein gut dotierter Weinkeller oder eine Briefmarkensammlung werfen zwar keinen Ertrag ab, aber die Freude an solchen besonderen Gegenständen ist Ersatz für die entgangene Dividende. Für bestimmte Menschen ist Kunst auch als Investition gedacht oder, wie ein Mitglied der liechtensteinischen Fürstenfamilie sagt: «Qualität ist uns wichtig, wir haben unseren ersten Rubens 1643 gekauft.» Es muss nicht unbedingt ein Rubens sein, in Graubünden bereitet vielleicht auch ein Kunstwerk der Künstlerdynastie Giacometti eine Freude, die bereits über Generationen anhält.

Diese Freude kann aber getrübt werden, wenn die Steuerbehörden im Rahmen des Verkaufs eines Kunstwerks, einer Sammlung oder eines anderen bedeutenden Vermögenswertes plötzlich von einer wundersamen Geldvermehrung auf dem deklarierten Bankkonto in der Steuererklärung vernehmen. In diesem Moment wird der bisher in der Steuererklärung nicht bekannte «Untermieter Giacometti» plötzlich zum Thema im Gespräch mit der Steuerverwaltung. Über Jahrzehnte hat ein Kunstwerk das Wohnzimmer geschmückt, wurde vielleicht bereits vererbt. Beim Verkauf erfreut die Wertentwicklung plötzlich nicht nur das Sammlerherz, sondern interessiert auch die Steuerverwaltung.

Im Kern geht es hier um die Frage, ob die Steuerpflichtigen das steuerbare Vermögen vollständig deklariert haben. Viele Eigentümer eines Kunstwerks oder Sammler machen sich diese Überlegungen gar nicht, denn für sie ist es einfach ein Einrichtungs- oder Gebrauchsgegenstand, an dem sie ihre Freude haben. Doch muss ein Kunstwerk oder eine Sammlung in der Steuererklärung überhaupt erfasst werden? Und wenn ja, welcher Wert ist dann für die Vermögenssteuer einzusetzen? Die gleichen Fragen stellen sich übrigens auch für andere bewegliche Vermögenswerte mit erheblichem Wert.

Steuerfreier Hausrat oder steuerbarer übriger Vermögenswert?

Das Reinvermögen ist im Rahmen der Steuererklärung jedes Jahr vollständig zu deklarieren. Bei Liegenschaften, Wertschriften und Guthaben, Bargeld, Gold und Motorfahrzeugen sind die Regeln klar, und die Bewertung ist einfach. Etwas schwieriger ist die Bewertung von Beteiligungen und geradezu herausfordernd, um nicht zu sagen unklar, wird es bei übrigen Vermögenswerten. Der Grund liegt darin, dass Hausrat und persönliche Gebrauchsgegenstände laut Steuergesetz steuerfrei sind.

Zunächst ist deshalb die Frage zu beantworten, ob es sich um steuerfreien Hausrat oder um einen steuerbaren übrigen Vermögenswert handelt. Zum Hausrat gehören Gegenstände, die zur üblichen Einrichtung einer Wohnung gehören und tatsächlich Wohnzwecken dienen, namentlich Möbel, Teppiche, Geräte und Unterhaltungselektronik. Bilder, Schmuck und andere wertvolle Einrichtungsgegenstände können sowohl steuerfreien Hausrat als auch einen steuerbaren übrigen Vermögenswert (sogenannte Alternativgüter) darstellen. Sind die Bilder im Haus des Steuerpflichtigen aufgehängt, gehören sie in der Regel zum Hausrat. Abgrenzungskriterien sind einerseits die tatsächliche Nutzung, also ob das Gut als übliche Einrichtung in erster Linie Wohnzwecken oder dem persönlichen Gebrauch dient oder ob ein Kapitalanlagecharakter vorherrscht, welcher für steuerbares übriges Vermögen spricht. Andererseits kann nicht der Wert des Alternativgutes eine entscheidende Rolle spielen.

Sammlungen können eine Leidenschaft widerspiegeln, die Grenze zur Kapitalanlage ist fliessend. Wohl niemand wird ernsthaft die gesammelten Kaffeerahm-Deckeli als Vermögenswert deklarieren. Ein einzelnes Kunstwerk oder vor allem eine Kunstsammlung wird hingegen von der Steuerverwaltung schnell mit Kapitalanlagecharakter in Verbindung gebracht, deren Wert das gemeinhin Übliche übersteigen kann.

Wie die kantonalen Steuerverwaltungen mit Kunst umgehen

Ausgangspunkt zur Beantwortung der Frage der Besteuerung eines Vermögenswertes sind einzig das kantonale Steuergesetz sowie Wegleitungen, Praxisfestlegungen und Gerichtsentscheide der einzelnen Kantone, denn die direkte Bundessteuer kennt keine Vermögenssteuer.

Betrachten wir die Situation einmal für ein Kunstwerk der Giacomettis, einer Künstlerdynastie aus dem Bergell, aus der Sicht des Heimatkantons Graubünden. Obwohl Graubünden stolz auf die Künstlerdynastie der Giacomettis sein darf, übt man sich in Zurückhaltung und hat das Thema bis heute nicht näher mit einer Praxisfestlegung zur Vermögenssteuer umrissen. Die Wegleitung in Graubünden hält hierzu fest: Übrige Vermögenswerte sind zum Beispiel Gemälde oder Sammlungen, Flugzeuge, Pferde etc. Der Hausrat ist von der Vermögenssteuer befreit.

Blicken wir über die Kantonsgrenze nach Zürich. Auch hier geben die einschlägigen Grundlagen wenig Leitlinie. In der Praxis hatte aber das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich im Zusammenhang mit einem Bild von Giovanni Giacometti im Jahr 2012 Gelegenheit, sich näher zur Besteuerung zu äussern. Im Jahr 2008 verkaufte die Besitzerin ein Bild des Künstlers für CHF 2‘000‘000. Sie hatte es von ihrem verstorbenen Vater im Jahr 1984 geerbt, was im Rahmen des Erbgangs aktenkundig war. Es war in ihrer Küche aufgehängt und erfreute die Augen der Betrachter. In den Jahren 1993 bis 1996 war es für CHF 150‘000 versichert. Diese Summe dürfte gemäss den Unterlagen den damaligen Verkehrswert widerspiegelt haben. Dieser Wert von CHF 150‘000 sprengt gemäss Ausführungen des Verwaltungsgerichts das allgemein Übliche, das einem Vermögenswert zukommt, der zur normalen Einrichtung einer Wohnung gehört. Folglich sei das Bild ungeachtet der konkreten Nutzung durch die Pflichtige als steuerbares Vermögen zu qualifizieren. Dass dies auch der Pflichtigen bewusst gewesen sei, zeige sich darin, dass sie das Bild nicht im Rahmen ihrer gewöhnlichen Hausratversicherung, sondern separat versichert habe. Die Erbin hatte das Bild in ihren Steuererklärungen für die fünf Jahre vor dem Verkauf nicht als Vermögenswert deklariert, weshalb die Zürcher Steuerbehörde für die Kantons- und Gemeindesteuern für diese fünf Jahre eine Nachsteuer (samt Zins) erhob. Eine Qualifikation als steuerfreier Hausrat oder persönlicher Gebrauchsgegenstand wurde mit der Begründung abgelehnt, dass der Verkehrswert des Bildes eine gewisse Höhe überschreite und das Bild damit ungeachtet der konkreten Nutzung und der finanziellen Verhältnisse der Steuerpflichtigen nicht mehr zur üblichen Einrichtung einer Wohnung gehöre und demnach als Vermögen zu versteuern sei.

Die nachfolgende Abbildung soll die vorstehenden Ausführungen zur Deklaration von übrigen Vermögenswerten in der Steuererklärung verdeutlichen.

Der Verkehrswert eines Kunstwerks

Steht einmal fest, dass ein Kunstwerk nicht als steuerfreier Hausrat, sondern als steuerbares Vermögen zu qualifizieren ist, beginnt der schwierige Teil der Arbeit erst. Bei allen übrigen Vermögenswerten gilt der Verkehrswert als Steuerwert. Dies stellt nicht nur die Steuerpflichtigen, sondern allenfalls auch involvierte Steuerexperten und die Steuerverwaltung vor kaum lösbare Bewertungsprobleme. Der Verkehrswert eines Kunstwerks kann eigentlich nur mittels Schätzung ermittelt werden.

Anhaltspunkte geben der bezahlte Preis oder der Wert einer Kunstversicherung. Versicherungswerte werden aber von Kunstliebhabern oder den Schätzungsexperten oft fern von Marktpreisen angesetzt; sie widerspiegeln nicht zwangsläufig einen tatsächlichen Marktwert. Wenn ein Kauf schon lange zurückliegt, ist der ursprüngliche Kaufpreis nicht mehr massgebend, wie der geschilderte Fall zeigt. Der Markt kann sich stark bewegt haben. Der Preis kann im Einzelfall stark gestiegen sein, hat sich seitwärts bewegt, oder ein Werk ist vielleicht wertlos geworden, weil keine Nachfrage vorhanden ist. Hier helfen auf den Kunstmarkt spezialisierte Datenbanken (gedruckte und elektronische Preisverzeichnisse wie ARTNET, Art Sales Index, Art Price Index, ADEC, Kunstpreis Jahrbuch etc.), sie sind aber nicht öffentlich zugänglich. Für Spezialisten und den Handel liefern sie eine erste Einschätzung zu den realisierten Preisen von Kunstwerken eines Künstlers, einen weiteren Anhaltspunkt. Immerhin kann festgestellt werden, ob es für den Künstler überhaupt einen Sekundärmarkt gibt oder ob das vermeintliche Kunstwerk nicht mehr veräussert werden kann, weil keine Nachfrage auf dem Kunstmarkt besteht.

Benno Schumacher,
dipl. Wirtschaftsprüfer,
dipl. Betriebsökonom FH
zugelassener Revisionsexperte

mehrwert:

«Kunstwerke können einen
persönlichen Mehrwert darstellen.
Aber was bedeutet dies für die Steuererklärung?
Wir wissen Bescheid.»

Was bestimmt eigentlich den Wert eines Kunstwerks?

Im Vordergrund steht der Künstler. Wer einen bisher nicht deklarierten Picasso oder ein Werk der Künstlerdynastie der Giacomettis zu Hause hat, sollte sich mit dem Steuerberater und danach vielleicht mit einem ausgewiesenen Schätzungsexperten in Verbindung setzen. Für eine Schätzung spielen neben der Urheberschaft verschiedene weitere Kriterien eine Rolle. Die Periode, in welcher ein Kunstwerkt vom Künstler geschaffen wurde, kann einen erheblichen Preiseinfluss haben. Weitere Aspekte sind die Technik (Ölbilder sind im Allgemeinen wertvoller als Zeichnungen), das Format, das Motiv und der Erhaltungszustand. Ebenfalls wichtig ist eine gute und lückenlose Provenienz, denn ein nicht unbedeutender Anteil der Kunstwerke hat sich schon als Fälschung entpuppt. Aber auch die Transaktionskosten (Provisionen) des Kunstmarkts sollten bei der Bewertung nicht ausser Acht gelassen werden. Die Preisdifferenz zwischen Käufer und Verkäufer ist erheblich. Beim Handel über Auktionshäuser kann als grobe Richtschnur eine Preisdifferenz von 35 Prozent zwischen Käufer- und Verkäuferpreis veranschlagt werden.

Wie ist der Wert in der Steuererklärung anzusetzen?

Grundsätzlich gilt, dass für die Festsetzung des Verkehrswerts der Kunstwerke das Augenmass gewahrt bleiben sollte. Im Fall einer Schätzung werden je nach Verwendungszweck unterschiedliche Werte ermittelt, die als Handelswerte (auch Markt- oder Verkehrswerte genannt) bezeichnet werden. Sie werden folgendermassen differenziert:

  • mittlerer Handelswert: Preis, der erwartungsgemäss bei einem gut vorbereiteten Verkauf (zum Beispiel an einer Auktion) erzielt werden kann;
  • oberer Handelswert (massgeblich für die Versicherung): muss die Beschaffung eines gleichwertigen Objektes unter allen Umständen ermöglichen (Kauf an Auktionen oder im Kunsthandel, zum Beispiel in einer Galerie);
  • unterer Handelswert (massgeblich für Erbteilungen): Preis, der ohne grossen Aufwand und innert nützlicher Frist bei einem Verkauf (zum Beispiel an Private oder an den Handel) realisiert werden kann.

Als Ausgangspunkt der unterschiedlichen Werte dienen mittlere Handelswerte, die aufgrund eines Vergleichs mit Durchschnittswerten von Schätz- und Zuschlagspreisen (Hammerpreisen) auf dem Auktionsmarkt bzw. in Auktionskatalogen ermittelt werden. Sie berücksichtigen die einigermassen kalkulierbaren preisbestimmenden Faktoren, wie Motiv, Qualität, Seltenheit und Bedeutung der Werke innerhalb eines Œuvres, Format und Erhaltungszustand, Marktfrische und Provenienz. Je nach Werk erfährt das Zusammenspiel dieser Faktoren eine je andere Gewichtung. Den schwer kalkulierbaren Unsicherheiten wird Rechnung getragen, indem die vom geschätzten mittleren Handelswert zu differenzierenden Werte des oberen bzw. unteren Handelswerts je nach Objekt und Ermessen des Schätzers in der Regel um 20 bis 40 Prozent vom mittleren Handelswert abweichen können. Die an Auktionen erzielten Werte können je nach Situation sehr stark schwanken. Da es sich bei Kunstwerken in der Regel nur um bedingt vergleichbare Einzelstücke handelt, gibt es bei vergleichbaren Werken oft unerklärlich scheinende, beträchtliche Unterschiede innerhalb der erzielten Preise.

Vor dem Hintergrund aller Einflussfaktoren und den auch bei Schätzungen schwer kalkulierbaren Unsicherheiten, sollten in der Steuerpraxis vereinfachte Verfahren möglich sein. Pragmatische Ansätze wie die Deklaration der Anschaffungskosten über zehn Jahre und mehr bieten eine geeignete Ausgangsbasis. Die ganz grossen Preissteigerungen konzentrieren sich ohnehin auf wenige international bekannte Ausnahmekünstler. Versicherungswerte können Anhaltspunkte bieten, hier müssten aber Einschläge möglich sein. So veranschlagt zum Beispiel der Kanton Basellandschaft den Verkehrswert eines Kunstwerks, indem er vom Versicherungswert 50 Prozent abzieht. Ein weiterer Abzug ist für Transaktionskosten (15 bis 50 Prozent) zu gewähren, denn der Kunstliebhaber wird das Objekt in der Regel über den Kunstmarkt veräussern. Eine Selbstdeklaration stellt insofern eine gute Schätzung dar, als nicht eine offensichtlich zu tiefe Bewertung, deren Unrichtigkeit ins Auge springen muss, abgegeben wird. Letztlich lässt sich ein objektiver Wert erst mit dem Verkauf des Kunstwerks ermitteln.

FAZIT

Die Vollständigkeit der Bankguthaben wird oft mit Akribie geprüft. Dabei kann unbewusst der Blick für andere in der Steuererklärung zu erfassende wesentliche Vermögenswerte verloren gehen. Kunst, Sammlungen, Oldtimer, Pferde etc. sind als Vermögenswerte zu erfassen, wenn sie einen gewissen Wert übersteigen. Ab einem Verkehrswert von ungefähr CHF 150‘000 sollte dies generell für alle Steuerpflichtigen unabhängig von den persönlichen Vermögensverhältnissen geprüft werden. Wenig ratsam ist es, ein Kunstwerk oder eine Sammlung plötzlich in der Steuererklärung ohne weitere Erklärung zu erfassen. Wenn man zur Überzeugung gelangt, dass ein Kunstwerk oder eine Sammlung einen erheblichen Wert darstellt, der bisher in der Steuererklärung nicht deklariert wurde, bleibt der Weg der einmaligen straflosen Selbstanzeige.

Bei der Bewertung der Vermögenswerte ist für die Güter ohne geregelten Markt ein gesundes Augenmass zu wahren. Auch Kunstsachverständige können bei der Bewertung des Verkehrswertes danebenliegen, für Steuerpflichtige ist es ungemein schwieriger. Anschaffungskosten bilden im Regelfall über viele Jahre eine gute Basis. Letztlich ist es ein schwer zu bestimmender Handelswert beziehungsweise Verkehrswert oder ein Liebhaberwert, den ein Käufer zu einem gewissen Zeitpunkt bereit ist, zu bezahlen.

Quellenangaben

Nägeli, Barbara, Leiterin Expertisen und Schätzungen, Kunstdokumentation Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA).