Dr. Andrea von Rechenberg

Was versteht man unter Natural- und Sachdividenden und
wie verhalten sich diese zu Ertrags- und Verrechnungssteuern. Nachfolgend ein erklärender Überblick.

Bekanntlich sind in der Schweiz sämtliche Dividendenausschüttungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung zu melden und auf der Bruttodividende die Verrechnungssteuer von 35 Prozent abzuliefern. Diese Abgabe ist eine sogenannte Sicherungssteuer, die bei Deklaration als Einkommen durch den dividendenbeziehenden Aktionär wiedererstattet wird.

Soweit die Dividenden in bar ausgerichtet werden, ist die Verrechnungssteuer wegen des Verzugs der Verwendungsfähigkeit zumindest ärgerlich, aber problemlos zu finanzieren. Besteht die Dividende aber aus Sachwerten (Naturaldividende) wie Beteiligungen, Aktiendepots, Liegenschaften usw., stellt sich das Problem der Finanzierung der Verrechnungssteuer. Ohne Spezialbestimmung müsste dieselbe durch den Aktionär vorfinanziert oder durch zusätzliche Bardividende erlegt werden, was bei beiden zu erheblichen Liquiditätsengpässen führen könnte. Um solche unnötigen Härten zu vermeiden, kennt die Verrechnungssteuer das sogenannte Meldeverfahren (Meldung statt Steuerentrichtung Art. 20 VStG; Art. 24 ff. VOZ VStG).

Natural- oder Sachdividenden

Bei der Naturaldividende wird der auszuschüttende Gewinn­anteil in Sachwerten statt in Barmitteln ausbezahlt. Oft handelt es sich um sogenannte Gratisaktien, das heisst, zulasten der ausschüttbaren Reserven einer juristischen Person wird eine Aktienkapitalerhöhung durchgeführt und die neuen Aktien den Aktionären als Dividende im Verhältnis ihres Aktienbesitzes zu Eigentum übertragen. Bei kleineren Gesellschaften oder juristischen Personen in Liquidation werden als Dividende oder Liquidationsdividende Sachwerte des Geschäftsvermögens auf Aktionäre übertragen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Wertpapierdepots, Liegenschaften, Patente, Büroeinrichtungen, Fahrzeuge usw. Da es sich um Dividenden handelt, stellen diese Erträge beim Empfänger steuerbaren Ertrag dar, der entsprechend steuerlich zu behandeln ist und konsequenterweise Gegenstand der Verrechnungssteuergesetzgebung bildet.

Sachdividenden und Steuern bei der ausschüttenden juristischen Person

Sachdividenden sind Gegenstand der Bilanz der ausschüttenden Gesellschaft. Die Höhe der Sachdividende bemisst sich nach dem Verkehrswert der auszuschüttenden Gegenstände, welcher in den wenigsten Fällen dem Buchwert entspricht. Meist liegt Ersterer höher.

Vor Ausschüttung der Sachwerte sind dieselben zu bewerten. Während dies bei einem Aktiendepot mit gehandelten Aktien relativ einfach ist, gilt dies nicht bei anderen Objekten. Diese sind zu bewerten. Bei Liegenschaften wird in Graubünden der amtliche Verkehrswert meistens von der Steuerbehörde akzeptiert, nicht aber zwingend von der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Objektive Drittschätzungen werden aber meist akzeptiert. Es empfiehlt sich dringend, die Bewertung vor Ausschüttungsbeschluss mit den Steuerhoheiten zu klären. Auch andere Naturaldividenden, wie nicht kotierte beziehungsweise nicht an der Börse gehandelte Beteiligungen, sind zu bewerten und abzusprechen.

Liegt der Verkehrswert der Dividendenobjekte höher als der Buchwert, stellt die Differenz (stille Reserve) steuerbaren Ertrag der ausschüttenden Gesellschaft dar. Entsteht dieser steuerbare Ertrag auf Beteiligungen mit einem Wert von über CHF 1 Mio. oder von mindestens 10 Prozent des Nominalkapitals an einer anderen Gesellschaft, die länger als ein Jahr gehalten wurde, so stellt sich die Frage, ob die Sonderregelung über Beteiligungsabzug zum Zuge kommt, wonach praktisch keine Steuern anfallen, sofern in früheren Jahren keine Abschreibungen auf denselben unter den Anschaffungspreis vorgenommen wurden oder nicht aufgrund einer Substanzdividende erfolgten. Die einschlägigen Steuergesetze lassen diese privilegierte Besteuerung bei Aufwertungen von Beteiligungen gemäss ausdrücklicher Bestimmung nicht zu. Im hier interessierenden Fall handelt es sich aber nicht um eine Aufwertung einer Beteiligung im eigentlichen Sinne, sondern um eine zwingende Aufwertung im Zuge einer Entäusserung der Beteiligungsrechte. Wirtschaftlich erhält der Aktionär beim Dividendenbeschluss eine Forderung gegen die Gesellschaft, die anstatt in Geld durch Beteiligungspapiere beglichen wird, was wirtschaftlich einer Veräusserung gleichkommt. Deshalb ist meines Erachtens der Beteiligungsabzug zu gewähren. Konsequenz dieser Unsicherheit ist, dass auch diese Frage durch ein Steuerruling zu klären wäre.

Liegt der Buchwert der auszuschüttenden Sachwerte über deren Verkehrswert, erleidet die Gesellschaft einen entsprechenden ordentlichen und verrechenbaren Verlust.

Dr. Andrea von Rechenberg,
Dr. iur. Rechtsanwalt

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Steuern beim Aktionär

Sachdividenden stellen beim Aktionär gleich wie ordentliche Dividenden Vermögensertrag dar. Besitzt der Aktionär über 10 Prozent der Beteiligungsrechte der ausschüttenden Gesellschaft, greift die Teilbesteuerung Platz, was heute bei Bund und Kanton Graubünden für natürliche Personen zu einer Kürzung des Steuersubstrats um 40 Prozent auf diese Ausschüttung führt. Bei Personengesellschaften wird der Dividendenertrag unter den gleichen Voraussetzungen um 50 Prozent gekürzt, bei juristischen Personen tritt der Beteiligungsabzug ein.

Meldeverfahren Verrechnungssteuer

«Würde bei Kapitalerträgen die Steuerentrichtung zu unnötigen Umtrieben oder zu einer offenbaren Härte führen, so kann der ‹steuerpflichtigen Person›, das heisst der dividendenausrichtenden Gesellschaft, gestattet werden, ihre Steuerpflicht durch Meldung der steuerbaren Leistung zu erfüllen» (Art. 20 VStG). Als Naturaldividende gilt aus Sicht des Gesetzes eine Sachleistung, die aufgrund ihrer Art nicht um die Verrechnungssteuer gekürzt werden kann (Pfund Robert, Die eidgenössische Verrechnungssteuer Art. 20 N 9.2.).

Das Meldeverfahren bedingt, dass der Dividendenempfänger bei Leistung der Verrechnungssteuer berechtigt wäre, diese zurückzufordern. Für natürliche Personen heisst dies Wohnsitz in der Schweiz oder ein entsprechendes Doppelbesteuerungsabkommen. Das Gesuch ist mittels Formular Nr. 105 der Eidgenössischen Steuerverwaltung einzureichen. Ich wiederhole aber nochmals, dass es sich empfiehlt, vor Dividendenbeschluss ein Ruling betreffend Bewertung und Gewährung des Meldeverfahrens einzuholen.