Arno Felix / Flavio Andri

Sind Sie neugierig, diszipliniert und verfügen Sie über Eigeninitiative sowie Kritikfähigkeit? Dann sind Sie der ideale Kandidat oder die ideale Kandidatin für die Mitarbeit in einer Gemeindebehörde. Lernen werden Sie als Gemeindepräsidentin, Gemeindevorstand oder als Mitglied einer Kommission auf jeden Fall sehr viel.

Wir erwarten: Kenntnisse in allen Bereichen der Gemeindeaufgaben, hohe Flexibilität, Vor- und Nachbearbeitung der Aufgaben zu Hause, zügige Arbeitsweise.

Wir bieten: unregelmässige Arbeitseinsätze (häufig am Abend), befristeten garantierten Einsatz bis zu den nächsten Gemeindewahlen, angemessene Entlöhnung, tiefe Wertschätzung für Ihren Einsatz sowie regelmässige Hass-E-Mails und -Telefonate von Bürgern.

So oder ähnlich könnte eine Publikation einer Gemeinde aussehen, welche Mitglieder für Gremien wie Gemeinderat, Schulkommission oder Geschäftsprüfungskommission sucht.

Die obigen Aussagen sind natürlich überspitzt. Klar, aus eigener Erfahrung wissen wir, dass die Arbeit als Mitglied einer Gemeindebehörde Flexibilität und zeitweise gute Nerven erfordert. Wir möchten Ihnen aber nachfolgend aufzeigen, dass die Erfahrungen für die weitere berufliche Karriere und auch für private Situationen von grossem Nutzen sind.
Mehrere Mitarbeitende von Curia haben Erfahrungen als Mitglieder einer kommunalen Exekutive sammeln können. Wir Autoren sind respektive waren ­langjährige Mitglieder der Ge­schäfts­prüfungskommission un­serer Wohnsitzgemeinde. Die nachfolgenden Ausführungen basieren somit – neben Recher­ch­en – auch auf unserem eigenen Erfahrungsschatz.

Arno Felix, dipl. Wirtschaftsprüfer,
zugelassener Revisionsexperte,
Präsident der Geschäftsprüfungskommission
der Gemeinde Zernez

mehrwert:

«Wir haben Erfahrung als Mitglieder
von Gemeindebehörden – und geben diese
Erfahrung gerne an Sie weiter.»

Was es braucht und was es bringt

Im Zuge der Gebietsreform haben sich in Graubünden viele Gemeinden zusammengeschlossen. Per Anfang 2018 hat sich die Anzahl der politischen Gemeinden im Kanton Graubünden auf 108 reduziert (2008 noch 203 Gemeinden). Diese Entwicklung hat auch den Druck reduziert, genügend Kandidatinnen und Kandidaten für vakante Posten in der kommunalen Exekutive zu finden. Im angepassten Gemeindegesetz des Kantons Graubünden (GG) – in Kraft seit dem 1. Juli 2018 – ist neu festgehalten, dass der Gemeindevorstand aus mindestens drei Mitgliedern bestehen muss (bisher mindestens fünf Mitglieder). Die Gemeinden haben nun, bei Mangel an Interessenten, auch die Möglichkeit, den Gemeindevorstand zu reduzieren. Ob diese Massnahme mittelfristig für die Qualität der Arbeit vorteilhaft ist, sei dahingestellt.

Es ist nicht immer einfach, die Tätigkeit in einer Behörde mit Beruf und Familie zu vereinbaren. Der Arbeitgeber muss eine gewisse Flexibilität aufbringen; der nachfolgend aufgezeigte «Nutzen» kommt nicht nur dem Behördenmitglied, sondern häufig auch seinem Hauptarbeitgeber zugute. Die Herausforderung, Amt und Beruf unter einen Hut zu bringen, bedarf grosser Selbstdisziplin. Oft braucht man auch eine dicke Haut, denn der grosse Einsatz zugunsten der Gemeinde wird selten mit Wertschätzung belohnt.

Als Gemeindevorstand oder Gemeindepräsident ist man für die strategische Steuerung der Gemeinde verantwortlich. Je nach gewähltem Gemeindeführungsmodell kann man aber auch in die operative Steuerung der Gemeinde involviert sein. In dieser Position lernt man, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. An den Sitzungen kann die Effizienz der Aufgabenerledigung verbessert werden dank einer detaillierten Vorbereitung, einer straffen Sitzungsdurchführung und einer sinnvollen Nachbearbeitung. Als Verantwortlicher eines Departements gehört auch die Personalführung zu den Aufgaben. Die Kommunikationsfähigkeit – sei es durch Auftritte, Präsentationen oder in Diskussionen mit Behördenkolleginnen und -kollegen unterschiedlicher politischer Ausrichtung – wird verbessert. Als Behördenmitglied kommt man zwangsläufig auch mit verschiedenen Gesetzen, Verordnungen und Reglementen in Kontakt. Man lernt, diese zu lesen, zu verstehen und korrekt anzuwenden respektive umzusetzen.

In all diesen Bereichen gilt Learning by Doing. Die Erfahrungen, womöglich auch der Umgang mit Rückschlägen oder Problemfällen, stärken die eigene Persönlichkeit. Vor allem für den weiteren beruflichen Lebensweg kann daraus ein grosser Nutzen gezogen werden.

Flavio Andri,
dipl. Wirtschaftsprüfer,
lic.oec.publ.,
zugelassener Revisionsexperte

mehrwert:

«Gemeindepolitik bietet viele
Mehrwerte – wir helfen Ihnen, diese
Mehrwerte bestmöglich
zu nutzen.»

Was hilft und was unterstützt

Nach der Wahl in ein politisches Amt wird man ins kalte Wasser geworfen. Die Exekutive ist insbesondere nach einer Neuwahl auf das Wissen der Gemeindeverwaltung und der wiedergewählten Kolleginnen und Kollegen angewiesen, und dieses Wissen kann auch ungeniert in Anspruch genommen werden.

Während der Phase der Einarbeitung in die neue Funktion ist es wichtig, einen generellen Überblick über den Aufbau und die Aufgaben in der Gemeinde zu erhalten.

Die HTW Chur, Zentrum für Verwaltungsmanagement, hat kürzlich einen Leitfaden «Startpaket für Gemeindepolitiker/-innen» herausgegeben. Dieser ist nicht nur für Neugewählte sehr empfehlenswert, werden darin doch verschiedene Themenbereiche verständlich und kurz erläutert, wie zum Beispiel: Aufbau der Gemeinde; kommunale Legislative und Exekutive; Sitzungen; Gemeindeführungsmodelle; Recht­setzung, Verwaltungsverfahren und politische Rechte in der Gemeinde; strategische, operative und finanzielle Steuerung; Gemeindefinanzen und Finanzkennzahlen; Kommunikation. Der Leitfaden kann unter www.htwchur.ch/zvm-startpaket bestellt werden.

Kenntnisse der finanziellen Abläufe sowie des Aufbaus der Rechnungslegung der Gemeinde sind unabdingbar. Ebenfalls sollte das Zusammenspiel zwischen den Aufgaben des eigenen Departements und der Finanzbuchhaltung respektive des Budgets verstanden werden.

FAZIT

Die Gemeindepolitik ist herausfordernd und reizvoll zugleich. Für viele Behördenmitglieder ist es nach wie vor eine Freizeitbeschäftigung. Deshalb soll sie auch Freude bereiten!
Eine positive Herangehensweise, Neugier, Selbstdisziplin, Eigeninitiative und eine detaillierte Einarbeitung sorgen dafür, dass Sie Ihre Aufgabe mit Freude bewältigen können und so einen Nutzen auch für ihre berufliche und private Zukunft daraus ziehen können.

Quellenangaben

Curdin Derungs / Ursin Fetz / Dominik Just; Startpaket für Gemeindepolitiker/-innen: Ein Leitfaden; Herausgeber HTW Chur, Zentrum für Verwaltungsmanagement

Entwicklung der Anzahl Gemeinden Graubündens, Herausgeber Amt für Gemeinden Graubünden, Februar 2018

Flavio Andri / Christoph Schwitter; Internes Kontrollsystem (IKS) für Bündner Gemeinden; in Curia Treuhand AG; Aktuelles aus der Praxis 2017

Gemeindegesetz des Kantons Graubünden (Stand 1. Juli 2018), SR 175.050